Damals

Im Jahre 1900 n. Chr. erbaute der königlich-württembergische Hofspediteur zu Esslingen, August Blocher, einen Pferdestall in Form eines viergeschossigen Backsteingebäudes. Dadurch entstand das wahrscheinlich erste Parkhaus, allerdings für die Pferde, denn –und jetzt kommt das einzigartige dieses Bauwerks- der Stall befindet sich nicht nur im Erdgeschoss sondern auch im 1.Obergeschoß, wo die Pferde über eine Holzrampe hinaufgelangten. Das 2.Obergeschoß, zugänglich über eine halbgewendelte Holztreppe, diente als Heuboden und Haferkammer und war deshalb auch sehr spärlich belichtet. Sämtliches Futter wurde mittels eines Rollenaufzugs durch eine Ladeluke nach oben geschafft und über verschiedene Abwurfschächte in die darunterliegenden Ställe gebracht. Für die Umzugskisten aus Holz und sonstige in einer Spedition notwendigen Gütern bot das Untergeschoss in dem vollunterkellerten Gebäude reichlich Platz. Auch hier diente ein manueller Lastenaufzug in einem raumhohen Lichtschacht für eine reibungslose Beförderung..

IM JAHRE2000

Der Pferdestall soll zu einem Vereins- und Kulturhaus umgebaut werden. Alles was sich noch im Originalzustand befindet, ist in dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude erhaltenswert. In die vorhandene Substanz nicht eingreifen, und trotzdem durch eine umfassende Sanierung das geschichtsträchtige Objekt einer neuen Nutzung zuzuführen war die große Herausforderung. Mittlerweile mutierte nämlich der unter Denkmalschutz stehende Pferdestall im Laufe der Jahre zum größten Taubenschlag Esslingens, da die Besitzer keinen großen Wert auf einen Erhalt legten. Ein Kampf zwischen Brandschutz und Denkmalschutz galt es auszufechten. Schließlich konnte durch den Einbau einer Brandmeldeanlage auf Verkleidungen der historischen, gusseisernen Stahlträger verzichtet werden. Insgesamt war der Stall im 1. Obergeschoss noch am Besten erhalten und steht nach der Sanierung noch genauso da. Lediglich die neue Haustechnik wurde sichtbar auf die bestehenden Wänden und Decken montiert, um das Spannungsfeld zwischen alt und neu erlebbar zu machen. Alle Holzfenster, Stallfenster und –tore konnten durch kleine Reparaturen erhalten werden, und wurden nur zur thermischen Verbesserung mit Kastenfenster ausgestattet. Die Aufteilung in neue Nutzungseinheiten geschah unter dem Aspekt, die alten Zugänge zu benutzen. Heute beherbergt das Denkmal Vereine, Künstlergruppen und seit neustem den stall, eine Bar Lounge in schönestem ambiente. Als Bauherrin war dieses Unterfangen ein großes finanzielles Risiko, jedoch als Architektin eine berufliche Herausforderung für mich. Bei meiner Entscheidung pro Pferdestall siegte das Herz der Architektin über den Verstand der Bauherrin.